Verschiedenes


 

 

 

 

Jahreslosung 2019

Suche Frieden und jage ihm nach!
Psalm 34,15

In einer Winternacht 1993 wird in Minneapollis (Minnesota) ein Zwanzigjährigererschossen. Den Zeitungen ist das kaum
eine Meldung wert. Bloß ein weitererMord im Drogenmilieu. Gewalt ist an derTagesordnung. Und natürlich ist das Opfer,
genau wie der Täter, ein Schwarzer.Der Täter, ein Sechzehnjähriger, wirdgefasst und zu 25 Jahren Haft verurteilt.
Mary Johnson, die Mutter des Opfers wünscht ihm die Todesstrafe. Aber die istlängst abgeschafft in Minnesota. - Was
hilft es, dass der Mörder sie noch im Gerichtssaal um Vergebung bittet? Wie soll man einem Menschen vergeben, der das
eigene Kind getötet hat? Jahre vergehen. Inzwischen arbeitet Mary Johnson als Sekretärin einer Kirchengemeinde.
Früher sang sie im Kirchenchor. Jetzt kann sie Gott nicht mehrloben, hat er doch zugelassen, dass ihrSohn so ums Leben kam.
Sie liest weiter
in der Bibel, sie besucht Gottesdienste, sie betet das Vaterunser mit der Bitte:
“… wie auch wir vergeben unsern Schuldigern”.
Aber es dauert zehn Jahre, bis sie den Hass auf den Mörder loslassen kann.

Eine Idee lässt sie nicht los: Vielleicht kann sie ihn im Gefängnis besuchen. Vielleicht ist er ja gar kein Monster, sondern  ein Mensch?! Mary Johnson bereitet sich eingehend auf die Begegnung mit dem Mörder ihres Sohnes vor. Als sie ihm im
Besuchsraum
des Gefängnisses gegenüber sitzt, ist O’Shea Israel, wie er sich inzwischen nennt, kein Jugendlicher mehr,
sondern
ein Mann. “Ich kenne dich nicht.”, sagt Mary Johnson, “aber wir müssen uns kennenlernen.”
Sie redet von ihrem Schmerz, von dem Leid, dass er ihr angetan hat. Und obwohl er selbst vorher am Sinn dieses
Treffens gezweifelt hat, erzählt er der Mutter seines Opfers jetzt vom Drama seiner Jugend. In dieser Begegnung geschieht
etwas mit beiden. Am Ende des Andacht ersten Treffens sagt Mary Johnson: “Ich vergebe dir.” Und O’Shea Israel fragt sie,
ob er sie zum Abschied umarmen dürfe. Weitere Begegnungen folgen. Mary Johnson sucht andere Betroffene auf,
Frauen, die ihre Kinder auf ähnliche Weise verloren haben. Schließlich gründet sie einen Verein, der sich um Versöhnung
bemüht. Er heißt: “From death to life - the Forgiveness Project”. “Vom Tod zum Leben - Das Vergebungs-Projekt”.
Weil auch die Mütter von Tätern leiden, organisiert sie Begegnungen mit ihnen. Sie hält Vorträge vor Gefangenen, erzählt
einfach von ihrer Geschichte, ihrem Schmerz, ihrem Hass, den Begegnungen mit dem Mann, der ihren Sohn umbrachte
- und von der Veränderung, die sie erlebt hat.

Als O’Shea Israel vorzeitig aus der Haft entlassen wird, heisst sie ihn willkommen, lässt ihn nebenan wohnen,
fast wie einen eigenen Sohn. “Es ist nicht einfach, jemandem zu vergeben,” sagt Mary Johnson. Aber wenn ein Opfer
vergibt, wird es vom Objekt
zum Subjekt des Handelns. Und weil ein Täter die Angehörigen seines Opfers ihr
Leben lang begleitet, sei es doch klug, zu versuchen, ihn zu verstehen, sagt sie.
“Suche Frieden und jage ihm nach” ist die biblische Losung für das neue Jahr 2019. Mir scheint: Die Geschichte von
Mary Johnson und O’Shea Israel enthält viel von dem Satz aus Psalm 34. Frieden fällt uns nicht in den Schoß.
Wir bekommen
keinen Frieden, wenn wir nicht bereit sind, uns zu bewegen. ”Suchen”,“Nachjagen” - das sind starke Worte.
Stark ist es, wenn Menschen sich bewegen, den Hass, den Wunsch nach Rache und Vergeltung hinter sich lassen.
“Es ist nicht einfach zu vergeben,” sagt Mary Johnson. Der Weg zum Frieden ist mühsam. Aber ohne diese Suche bleibt
alles nur, wie es ist. In der Bibel meint Frieden: Leben, das heil ist. “Frieden auf Erden!” ist die frohe Botschaft, die wir
Weihnachten wieder
neu hören. Wir glauben, dass Gott Frieden macht - mit allen, für alle. SchlimmeTaten, zum Beispiel den
Mord an Mary
Johnsons Sohn, kann kein Mensch ungeschehen machen. Aber der Glaube an den Gott des Friedens kann
Menschen
dazu bringen, die Erstarrung zu überwinden. Wunden können heilen. Neues kann wachsen.
Wenn wir Frieden suchen,
wenn wir ihm nachjagen, geschehen Wunder - auch heute.

Mit herzlichem Gruß
Ihr Pfarrer Martin Kutzschbach

P.S.: Mary Johnsons Geschichte stand
in der ZEIT (“Und dann ist der Hass
weg” - von Johannes Musial, in DIE
ZEIT Ausgabe 47 vom 16.11.2018).
Mehr von ihrem Projekt findet man hier:
www.fromdeathtolife.us

 

 

 

 


RSS Button Twitter Button Facebook Button