Andacht und weitere Beiträge


ANDACHT

“Und führe uns nicht in Versuchung…” (Mt. 6,13)

Es geht nicht um Sahnetorten oder Schokolade (Sie wissen schon: die “zarteste Versuchung…”). Das Thema ist ernster. Versuchungen sind nach der Bibel Krisen, in denen wir uns zwischen Gut und Böse entscheiden müssen, zwischen dem, was dem Leben dient und dem, was ihm schadet. Der Versuchung nachgeben kann bedeuten, dass das Glück zerbricht, dass ein Lebensentwurf scheitert. Im Vaterunser bitten wir Gott deshalb um die Kraft, auch in den Krisen unseres Lebens am Glauben festhalten zu können: “Und führe uns nicht in Versuchung…”

Papst Franziskus würde diese Bitte nun lieber anders formulieren. In einem Interview Ende des vergangenen Jahres meinte er, nicht Gott sei es, sondern der Satan, der uns in Versuchung führe. “Ein Vater hilft, sofort wieder aufzustehen.” Inzwischen benutzen französische Katholiken im Gottesdienst eine freier übersetze Formulierung und bitten Gott: “Lass uns nicht in Versuchung geraten.” Dabei ist natürlich die Frage, ob man den Bibeltext einfach ändern kann, wenn man mit der Bedeutung nicht einverstanden ist.

Wörtlich ist an der vertrauten Übersetzung im Vaterunser nichts auszusetzen. “Führe uns nicht in Versuchung…” gibt den Urtext des auf Jesus selbst zurückgehenden Gebetes genau wieder. Die Debatte ist damit allerdings noch nicht beendet. Denn es bleibt die Frage, ob Jesus wirklich gemeint hat, die Versuchungen gingen von Gott selber aus. 

Interessant ist ein Blick auf die Versuchungsgeschichten der Bibel. Zwei Kapitel vor dem Vaterunser wird zum Beispiel erzählt, dass “Jesus vom Geist in die Wüste geführt wurde, damit er vom Teufel versucht würde.” (Mt. 4,1). Als Jesus dem Teufel dreimal widersteht, lässt der von ihm ab. “Da traten Engel herzu und dienten ihm.” - Diese Geschichte enthält die ganze Ambivalenz der Frage. Akteur der Versuchungen ist der Teufel. Aber es ist der Geist Gottes, der Jesus in die Wüste geführt und der Versuchung durch den Teufel ausgesetzt hat. Gott ist also aktiv an dem Geschehen beteiligt.

Vielleicht wäre es für unseren Glauben einfacher,  wenn wir die Welt und das Leben in zwei Bereiche aufteilen könnten: einen Bereich des lieben Gottes und einen des bösen Teufels. So ein Glaube würde Gott von der Möglichkeit, Böses zu tun, entlasten. Schon das Alte Testament spielt mit diesem Gedanken. So “beginnt bereits in der Bibel die Karriere des Teufels,” meint der evangelische Theologe Jürgen Ebach.

Aber das Vaterunser im Neuen Testament folgt dieser Aufteilung nicht. Jesus rechnet damit, dass die Versuchung, Böses zu tun, von Gott selbst kommen kann. Und doch bittet er denselben Gott gleich nach dem Satz “Führe uns nicht in Versuchung…” um Hilfe gegen dieses Böse: “Sondern erlöse und von dem Bösen.”

Was bedeutet das für unseren Glauben? Christen vertrauen darauf, dass Gott der Herr der ganzen Wirklichkeit ist. Es gibt keinen Bereich der Welt und des Lebens, der der Herrschaft Gottes entzogen ist. Zu dieser ganzen Wirklichkeit gehören aber auch die dunklen Seiten. Wer an Gott glaubt, kennt auch die Erfahrung, dass dieser Gott schweigt, sich entzieht, uns Schweres zumutet,       - ja , auch in finstere Täler führt. Die  “Verborgenheit Gottes” gehört zu den Erfahrungen eines reifen, erwachsenen Glaubens.

Auf die Frage nach dem Warum des Bösen gibt uns die Bibel keine allgemein gültige Antwort. Sie enthält ja kein System von Lehrsätzen, die die Welt und das Leben für uns alle vollkommen deuten. Die Bibel ist ein Buch des gelebten Glaubens. Und so finden wir auch bei Jesus, der vom Glauben an diesen Gott mehr verstand als wir alle zusammen, Zweifel, Versuchungen und Anfechtungen, die ihren Ursprung in diesem Gott selber haben. Ja, das wird in der Leidensgeschichte Jesu gerade deutlich, dass auch ein Mensch, der sich vollkommen auf Gott verlässt, in die kälteste Gottverlassenheit geführt werden kann. “Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?” Nach dem Matthäusevangelium sind das die letzten Worte des sterbenden Jesus. Kann man noch tiefer fallen?

Hier könnte man aufhören zu glauben. Dass die Menschen der Bibel aber weiter auf diesen Gott vertraut haben, hat mit Ostern zu tun. Die Botschaft der Auferweckung Jesu von den Toten ist das letztgültige Wort Gottes über unser Leben. Nicht unsere Zweifel, nicht die Verlassenheit, nicht unsere Niederlagen in den Versuchungen sind das letzte, was zählt. Gottes Ja zu Jesus ist ein Ja zu seinen Menschen - und ein Nein gegen den Tod!

Ich weiß nicht, warum Gott Menschen in Versuchung führt. Ich weiß nicht, warum er uns zweifeln lässt, auch verzweifeln. Aber ich halte mich an sein letztes Wort. Und das ist die Liebe, aus der wir nicht herausfallen. Eines Tages werden wir seine Wege verstehen. Hier bleibt uns manchmal nur zu beten: “Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.”

Ihr Pfarrer Martin Kutzschbach

 

 

50 Jahre Presbyter - ein seltenes Jubiläum!

Wenn man ihm in der Fußgängerzone unserer Stadt begegnet, drängt sich der Eindruck auf: Er kennt jeden und jeder kennt ihn. Heinz Willi Höver (76) ist Stadtverordneter, ehemaliger Heimleiter des Evangelischen Altenzentrums, Ur-Siegburger, und - nur mit kurzer Unterbrechung - seit fünfzig Jahren Presbyter unserer evangelischen Kirchengemeinde. Am 21. April 1968 wurde er im Martin-Luther-Haus auf dem Stallberg von Pfarrer Stähler in sein Amt eingeführt.

 Dass er damals mit 26 Jahren überhaupt Presbyter werden konnte, verdankte sich einer Änderung der Kirchengesetze. Erst zu dieser Wahl war nämlich das Mindestalter von 28 Jahren entsprechend gesenkt worden. Dass Heinz Willi Höver heute noch als Finanzkirchmeister mitarbeiten kann, wurde auch erst durch ein neues Kirchengesetz ermöglicht. Demnach muss man nun nicht mehr direkt nach Erreichen der Altersgrenze von 75 Jahren aus der Gemeindeleitung ausscheiden, sondern kann bis zum Ende der laufenden Wahlperiode mitarbeiten.  Wir sind darüber froh, denn so kann uns Heinz Willi Höver mit seinen reichen Erfahrungen wohl noch einige Zeit unterstützen. - Aus Anlass seines Jubiläums haben wir das folgende Gespräch geführt.

 

Wie kam es, lieber Heinz Willi, dass Du als junger Mann Presbyter wurdest?

Pfarrer Stähler kannte mich und meine Familie und hatte die damalige Küsterin Frau Jegotka gebeten, mich zu fragen und vorzuschlagen. Ich war gerade von Wolsdorf zum Stallberg gezogen und wurde genau ein Jahr nach unserer Hochzeit Mitglied der Gemeindeleitung.

Was machte damals die Arbeit als Presbyter aus? War es anders als heute? Was hat sich seitdem geändert?

Als Neuling musste ich erstmal alles lernen. Erfreulich war, dass es damals mit den Gemeindegliederzahlen aufwärts ging. Austritte waren viel seltener als heute. Auch die Kirchensteuern stiegen. Aber die Haushaltssumme der Gemeinde war damals natürlich viel kleiner.

Was hast Du aus den fünfzig Jahre Mitarbeit in der Gemeindeleitung in bester Erinnerung?

Viele Beschlüsse im Presbyterium haben wir einstimmig gefasst - oder “einmütig”, wie die Kirchenordnung empfiehlt. Besonders bei den Pfarrwahlen, in denen sich das Presbyterium für einen Bewerber entscheiden musste, waren wir uns am Ende einig. - Gerne denke ich auch daran, dass wir uns auch damals schon für Flüchtlinge einsetzten, zum Beispiel 1987. In unserer Gemeinde entstand damals die Partnerschaft mit den Christen in Tsumeb / Namibia, die heute vom ganzen Kirchenkreis getragen wird. Viele Jahre unterstützten wir Not leidende Menschen in Moldawien.

Gab es auch Enttäuschungen oder traurige Ereignisse?

Traurig und enttäuschend war es, dass Ende 2004 das Martin-Luther-Haus geschlossen werden musste. Aber besonders traurig war, dass zwei Jugendliche auf Freizeiten unserer Gemeinde zu Tode gekommen sind.

Es ist nicht leicht, Menschen zu finden, die sich zur Übernahme des Presbyteramts bereit erklären. Du warst 26 Jahre, als Du zum ersten Mal Presbyter wurdest. Wie würdest Du bei jungen Menschen heute dafür werben, hier mitzuarbeiten?

Dafür braucht man sicher Mut. Aber als Presbyterin oder Presbyter kann man auch wirklich Verantwortung übernehmen und etwas gestalten. Früher wurden wir allerdings für acht Jahre gewählt. Inzwischen sind es nur noch vier Jahre bis zur nächsten Wahl. Das sollte die Bereitschaft ja eigentlich erhöhen.

Bis zum Ablauf Deiner letzten Amtszeit bleiben noch zwei Jahre. Was möchtest Du unserer Gemeinde in dieser Zeit noch mitgeben? Und was wünschst Du der Kirche für die Zukunft?

Ich wünsche mir - man darf ja auch träumen -, dass niemand mehr austritt. Und dass die Gemeindeglieder sich noch mehr am Gemeindeleben beteiligen - so wie zum Beispiel beim Gemeindefest. Ein Wunsch des Finanzkirchmeisters: dass die Kirchensteuereinnahmen nicht sinken!

Noch eine persönliche Frage: Gibt es ein Bibelwort, einen Gedanken aus der Heiligen Schrift, der Dich in guten und schweren Zeiten begleitet hat?

Drei Bibeltexte fallen mir ein, die mir wichtig geworden sind. Der erste ist mein Konfirmationsspruch: “Ich will deine Befehle nimmermehr vergessen; denn du erquickst mich damit.” (Psalm 119,93) Ich habe oft erlebt, dass ich beschenkt wurde im Dienst und Gehorsam der “Befehle” Gottes.Oft kam ein Lächeln zurück. - Der zweite Satz steht auf dem Stein über unserem Familiengrab: “Meine Zeit steht in deinen Händen.” (Psalm 31,16) - Und schliesslich: Die Seligpreisungen aus der Bergpredigt (Matthäus 5) sind für mich immer so etwas wie das Herz meines Glaubens gewesen.

Vielen Dank für dieses Gespräch!

 

Für sein langjähriges Engagement in der Stadt- und Kirchengemeinde wurde Heinz Willi Höver schon hoch geehrt. So ist er Träger des Bundesverdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland und des Kronenkreuzes der Diakonie unserer Kirche. Sein goldenes Jubiläum als Presbyter unserer Gemeinde begehen wir gemeinsam im Gottesdienst am Sonntag Jubilate, 22. April 2018, 10 Uhr, in der Friedenskirche in Kaldauen.

(mk)


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